Das Mobiltelefon zeigt immer noch die kontinentale Zeit an, obgleich es schon im irischen Netz ist und auf Googlemaps als Standort Arklow auf der Insel ca 70 km südlich von Dublin angibt, was nicht stimmt:
Die W.B.Yeats schwimmt immer noch im Meer, höchst wahrscheinlich schon in der irischen See, aber das weiß ich nicht genau. Sind noch knappe vier Stunden bis zum Anlegen in Dublin. Es ist 7 Uhr Irischer Zeit. Eine Stunde ist mir auf dem Weg nach Westen verloren gegangen, bekomme ich ja wieder zurück, wenn ich zurück komme.
Hier in der „Holzklasse“, in den „Komfortsesseln“ wo die Menschen die preisgünstigste Kategorie der Überfahrt gewählt haben, kriechen sie aus den ulkigsten Schlafpositionen vom Boden, aus den Sesseln und Bänken, finden ihre Anziehsachen, langsam kommt Leben in die Bude, obgleich noch genug Zeit zum Weiterschlafen wäre.

Anders als auf den ähnlich weit fahrenden Fähren von Amsterdam nach Newcastle: Dort ist Kabinenzwang und selbst in der winterlichen Nebensaison ist die Überfahrt für eine einzelne Person doppelt so teuer. Das Personal kommt hier bei „Irish Ferries“ aus Osteuropa, bei DFDS aus Asien. „Personal“ klingt natürlich dumm; so, als wenn ich selbst welches hätte. Es sind die Menschen, die an den Bars arbeiten, oder die auf Deck die Autos einweisen.
Beim Ablegen richtete der Kapitän einige Worte an die Passagiere, von denen für mich aber nur zu verstehen war, dass er der „Captain“ ist. Keine Ahnung was für ein englischer Akzent das war. Ich zweifelte an meinen, ohnehin ziemlich schlechten Sprachkenntnissen, gewann aber, als die üblichen Sicherheitserklärungen, wohl pronociert vom Band abgespielt wurden, diese zurück.
Links neben der Fahrtrichtung, also mutmaßlich westlich, lässt sich an einem milchigen Horizont ein Küstenstreifen ausmachen. Das wird Irland sein.
Und jetzt also, an diesem provisorischen Ziel, die Frage, was ich überhaupt hier will? Ich nehme das nicht ernst, aber das Innerliche ist faszinierend. Aus dem Gefühl etwas erreichen zu wollen, wird mit dem Erreichen und schon kurz davor, Enttäuschung. Ja klar, die Motivation war eine Täuschung, ich muß unbedingt nach Dublin, weil ich es unbedingt einmal gesehen haben muß, aber was soll denn daran so toll sein, dass sich der ganze Aufwand gelohnt haben soll. Da sind doch so wichtige Probleme: Was macht ich mit meinem Gepäck, mit dem Fahrrad, wenn ich in einen Pub mit Musik gehen will? Fahre ich möglichst schnell raus, weil Städte sowieso nicht meins sind? Lasse ich mich einfach treiben, irgendwie nach Westen? Ja, genau das. Wäre dann sogar ziemlich einfach, wenn wie in der Normandie bei der Abfahrt der Wind aus Osten kommen würde..
Was ich in der Anschauung meiner Selbst einfach nur zum Ausdruck bringen möchte: Viele Menschen wären so gerne nicht voreingenommen, aber warum kaufen gerade diese, Gebildeten, Reiseführer? Es werden doch nur die Eindrücke von jemand anderem übernommen, vielleicht abgeglichen, aber wo ist das eigene Erleben, ein Sehen ohne einen gerichteten Focus?
Hier auf dem Schiff flimmert überall CNN auf den Bildschirmen. „Follow the facts!“ Es wäre so viel einfacher gewesen, zu Hause zu bleiben, auf einen Bildschirm zu starren. Hier weichen meine Augen den Bildschirmen aus, suchen das Meer. Nein das hätte ich gern: Ich muß die Augen auf’s Meer zwingen, der Bildschirm zieht sie an.