Zugeflogen

Aus dem Film „Das Fliegende Klassenzimmer“

Drehbuch von Erich Kästner; Regie: Kurt Hoffman 1954

Weiß nicht, ob dieser Unterrichtsdialog in Erdkunde auch so im Buch steht; habe ihn vom Film transkibiert.

Lehrer: Man darf also die Natur nur verändern, wenn die Menschen einen Nutzen davon haben?

Schüler: Das ist die einzige Entschuldigung!

Lehrer: Entschuldigung, sagst Du? Demnach wäre alles was der Mensch getan hat, seit er Tiere zähmte, Urwälder rodete, Sümpfe trocknete, Schiffe baute und Obstbäume veredelte, nicht rühmenswert, sondern allenfalls entschuldbar?

Lehrer: Nun?

Schüler2: Weiß es nicht.

Lehrer: Sebastian?

Schüler3: Ich weiß es nicht

Lehrer: Da hab ich ja noch mal Glück gehabt. Ich weiß es nämlich auch nicht.

Ich finde einen solchen Dialog in einem Kinderbuch in den 50zigern bemerkenswert; aus heutiger Sicht ist die gleichzeitig demütige, humorig, aber auch joviale Haltung des Lehrers zum Schluß des Dialogs für heutige Ansichten zu unentschieden. Und ganz sicher wäre auch, dass Mitglieder der Partei der Unsäglichen heute so etwas vor die Pranger verletzter Neutralität bringen wollen würden.

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Braunau

Nachtrag zur Fahrradtour. Aus dem Hessischen.

Braunau gibt’s viel, nicht nur am Inn, es gibt sogar ein „Nueva Braunau“ in Chile, was immer das sein mag.

So gewahr müssen wir sein. Warum haben die Historiker damals darüber gestritten, ob die deutschen Verbrechen einzigartig seien (Historikerstreit?) Warum ließen Humanisten sich dazu herab? Verbrechen dürfen nicht geschehen, nicht relativiert werden, die gegen die Menschlichkeit nimmer und gar nie. Was war das für eine furchtbare Diskussion. Bin froh mein Geschichtsstudium damals abgebrochen zu haben.

Braunau ist überall

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Gestern

…war ich zu müde und zu beschäftig, Gestern zu beschreiben.

168 km bin ich gefahren. Eigentlich waren nur die letzten 45 unschön. Der stürmische Westwind, der mich wunderbar vor sich her getrieben hatte, hatte 20km vor Merseburg noch ne Menge Regen im Gepäck. Und diese Kilometer verliefen auf stark von KFZ befahrenen Strasse.

Das ging soweit, dass mir aus einem Wagen mit geöffneter Tür und Subwoofer-Gedröhne „Verpess däsch dou Schwouchtel“ im dunkelsten Sächsisch zugebrüllt wurde. Doch mal mit Kamera fahren und solche Leute anzeigen?

Zwischen den Mittelgebirgen war der Weg sehr schön. Die Hainleithe hab ich auf alten Platten gepflasterten DDR Waldwegen überquert und dann den Kyffhäuser gestreift….ein Begriff mit dem ich nichts Gutes verbinde, ausser Heinrich Heine, was aber erst einmal auch nur ein Ausläufer vom Harz ist.

Hoch zur Hainleithe. Ich hatte jemanden gefragt, wie der Höhenzug heisst
Ich konnte mir das Wort nicht merken. Klang so fremd.

So jetzt guck ich mir Leipzig an. Ist zwar nur das Ziel, aber warum soll ich nicht einen Weg durchs Ziel machen?

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Leipzig

Bin da.

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Die gefühlte Temperatur auf dem Fahrrad….

…ist meistens wärmer. Von der hessischen Werra hoch nach Thüringen, gestern abend im Regen, war richtig warm, heute morgen, die 9 km bergab mit Rückenwind nach Mühlhausen vor einer Stunde, ohne Regen eiskalt.

Ich glaub ich bin ein richtiger Spießer: Mich überwältigt die manigfaltige Architektur, die der real existierende Sozialismus erhalten hat. Mühlhausen ist toll zum Durchfahren mit dem Rad, auch durchgefroren. Die Radwege lassen allerdings zu wünschen übrig.

Gestern habe ich Hessen durchquert….ist doch was zum Berichten:

An einem Supermarkt ist eine Tasse Kaffe mit 1 € angezeigt. Nach 50 m bremse ich, fahr zurück. Das klingt nach deutscher Filterplörre und so etwas lasse ich mir ungern entgehen.

Meine Blechtasse sei so klein, der Kaffe kostet nur 50 Cent. Mit einem Boskop zusammen……der Bon wird entsprechend kommentiert.

Kaffe trinke ich draussen, stell ihn beim Brennmaterial ab, Briketts liegen da, Beschriftung im Kleingedruckten „Rheinbraun Brennstoff GmbH“ mach mir nicht die Mühe nach zuschauen, wem die gehört.

Ein paar Meter weiter ein Schaufelrad als Denkmal. Was damit geschaufelt wurde? Braunkohle. Kraftwerk ist ein paar km weiter, werde ich aufgeklärt, heute ne Disco. Bergbau Über- und Untertage eingestellt, seit einem Grubenunglück Ende der 80ziger.

In Deutschland gibt’s überall Braunkohle, so wie in Irland Torf…Das Strukturproblem von Wackersdorf, das mit der WAA behoben werden sollte, war die dortige Auskohlung einer der ehemals reichsten Gemeinden Bayerns. Braunkohleabbau ist historisch, soll es endlich sein, RWE ist ein Zombie.

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Kurz Vor Mühlhausen

Sind noch 160 km bis nach Leipzig. Müsste klappen. War schön heute.

Mir fällt aber nichts ein.

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Frühstücksdirektor

Ein Kellner hier sagt dauernd „Sehrwohl“ im Gegensatz zu seinen Kolleginnen, die eine moderne Servilität pflegen. Mir gefällt dieser karrikierende Stil; konservativ scheinend, nimmt sich hier jemand eine gewisse Freiheit, um seinen Job zu machen.

In 10 Min wollte ich auf dem Rad sitzen.

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Wellness

Bin in einem Wellnesshotel gelandet, ging anders nich, die anderen hatten zu. Wat enne Quatsch!
Knappe 80 km heute nur, wegen des späten Starts um 11 Uhr, aber mit dem Auto wäre die schnellste Route 95 km.
Es ging wirklich auf knapp 600 m hoch, das öfter.
Und richtig laufen lassen hab ich es bergab auch nicht, war um die 0 Grad und dementsprechend meine Furcht vor plötzlicher Glätte.

Aber schön war’s allein auf kleinen Wegen, der Blick auf die Landschaft mit Puderzucker-Reif versüsst.

 

Ist wie Lotto spielen: Ich folge der Route die ein Algorithmus ausgerechnet hat und freu michEinach so, einfach schön

Bizarr war eine Begegnung mit einem älteren Ehepaar auf einem solchen Weg, die in ihrer geheizten Karosse sitzen blieben, während sie mich zum Weg Erklären ranwinkten….aber die können ja nichts dafür, dass ich SUV nicht mag und wissen nicht was der Flow auf dem Rad in der Kälte bedeutet…..
Mein Vater hatte immer etwas gegen dieses Ranwinken an den Wagen und Sitzenbleiben, vielleicht kommts auch daher.
Witzig fand ich den Untertitel eines Unternehmens in Netphen: „Drehen, Bohren, Fräsen“ Damit ist, glaube ich, ein großer Teil des Siegerlands beschrieben.
Abersonst ist nichts passiert…von den Falken auf den Strommästen abgesehen, den Ulmen, die noch intakt aussahen…..
und den Fichten, die mir auch irgendwie ins Bild passen

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Wärme

Durfte den Zug im Radladen reparieren gleich geht’s weiter. Das nennnt sich hier südliches Westfalen, die Mundart klingt für mich eher hessisch

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Morgen

Der Radladen macht erst um 10 Uhr auf, vor mir gerade eine 4spurige Stadtstrasse gesehen durch die Fenster eines Kettenhotels.
Siegen hatte ich mir so vorgestellt: Die Bilder kamen aus Interviews von Lehrern der hiesigen Uni im Fernsehn in 70ziger Jahre Betonhäusern.
Gestern abend kurz durch die „Oberstadt“ gelaufen. Kleine, mit Schiefer verkleidete, aneinander gedrängte Häuser, wie in den Städten im Bergischen Land.
Hier unten herrscht die „Grosszügigleit“ der Nachkriegszeit. War höchstwahrscheinlich mal anders: Über 80% hat der Krieg von Siegen zerstört. Das ist wohl auch das Vorhaben unserer Wirtschaftstrategen: Wenn sie die Welt mit dem Klimawandel zerstört haben, können sie ganz neu und großzügig wieder aufbauen.

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