{"id":1862,"date":"2018-06-29T09:54:27","date_gmt":"2018-06-29T07:54:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wendelwillweiter.de\/?p=1862"},"modified":"2018-06-29T09:54:27","modified_gmt":"2018-06-29T07:54:27","slug":"im-zug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wendelwillweiter.de\/?p=1862","title":{"rendered":"Im Zug"},"content":{"rendered":"<p>Ich verstehe die Leute hier im Herefordshire schlechter als in Irland. Woher der Schaffner kommt, weiss ich ja auch nicht. Er wollte nur wissen, wo ich hin will. H\u00e4tte sich ja die Fahrkarte anschauen k\u00f6nnen, die ich in der Hand hielt. Ihm ging&#8217;s um die richtige Verklappung des Fahrrads. <\/p>\n<p>Gerade f\u00e4hrt der Zug los. Die haben hier ja keine Oberleitung, keinen Strom \u00fcber den Schienen. In Pflichtkurs SoWi in den 80ziger Jahren hatte ich gelernt, dass in UK die Gewerkschaften so m\u00e4chtig seien, dass, obgleich es schon lange keine Dampfloks mehr gab, die Trade Unions durchgedr\u00fcckt hatten, dass auf jedem Zug ein Heizer mitf\u00e4hrt.<br \/>\nDas gibt es bestimmt nicht mehr.<br \/>\nArriva hei\u00dft die Bahngesellschaft jetzt, British Rail sieht man nicht.<br \/>\nReginald, der exzentrische Engl\u00e4nder mit der Lochkamera, hat mir auch irgendetwas erz\u00e4hlt, dass es um die Eisenbahn ein ganz sch\u00f6nes Desaster in UK sei, Privatisierung hin und her&#8230;..m\u00fc\u00dfte ich recherchieren.<\/p>\n<p>Da war eine Apfelbaumplantage. Das Herefordshire ist ber\u00fchmt f\u00fcr seinen Cider, jetzt kommt Hopfen, goldenes Morgenlicht \u00fcber der Landschaft.<br \/>\nHeute k\u00f6nnte man bestimmt gut ein paar Werbespots drehen.<\/p>\n<p>Gestern abend habe ich noch eine Runde durch Hereford gedreht. &#8230;.<\/p>\n<p>Ledbury, der Zug h\u00e4lt gerade in Ledbury.<\/p>\n<p>Eine riesige Stadt ist es nicht und viel neu; war schwierig einen alten Stadkern auszumachen. Die Townhall wirkte historisch verloren in einer H\u00e4userzeile. Frage mich immer wieder, ob die deutsche Luftwaffe ihren Anteil an der Modernisierung solcher Stadtkerne hatte. War ja nicht nur Coventry, wo deutsche Bomben gefallen sind. <\/p>\n<p>England spielt gerade Fu\u00dfball, gegen wen, wei\u00df ich nicht; sie verlieren, aber das ist alles nicht so wichtig. Besonders aufgeheizt ist die Strasse nicht. An vielen Pubs stehen allerdings stiernackige, kahlrasierte Kerle, die wie der Kapit\u00e4n einer Fussballmannschaft um den Oberarm eine Binde haben, in der irgendeine Lizenz sie als besondere Prachtexemplare ihrer Art auswei\u00dft. Diese Armbinden betonen noch einmal die F\u00fclle von &#8222;gest\u00e4hlten&#8220; Eiwei\u00dfstr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Die M\u00f6wen haben die Stadt auf ihre Art erobert; ihr Lachen \u00fcbert\u00f6nt sogar den Strassenverkehr, sie segeln tief, \u00fcber die K\u00f6pfe hinweg. Die wei\u00dfen M\u00f6wen sind gegen\u00fcber den gelb-braun-wei\u00df mellierten in der \u00dcberzahl und gehen diese auch an.<\/p>\n<p>Ja, da sieht man es &#8230;&#8230;.Rassismus ist etwas ganz nat\u00fcrliches. (ist deshalb trotzdem nicht gut Anm. des Autors)<\/p>\n<p>Ein paar Teenager machen sich einen Spass daraus, die M\u00f6wen mit Pommes anzulocken und dann nach Ihnen zu treten. Sie machen keinen Unterschied zwischen den wei\u00dfen oderr den mellierten.<\/p>\n<p>Im Vorbeigehen sehe ich einen deprimiert ausschauenden, vollb\u00e4rtigen, \u00e4lteren Mann vor einem Bier sitzen. Draussen flanieren junge Damen mit Sommerkleidern, er schaut durch sie hindurch; trotzdem scheint er f\u00fcr mich wie ein Ankerpunkt, wie das einzig Vern\u00fcnftige, das ich gerade aus machen kann.<\/p>\n<p>Irgendwann komme ich in eine zu einem gro\u00dfen Pub umgebauten Brauerei. Hier gibt es keine T\u00fcrsteher. Das Publikum macht einen b\u00fcrgerlich gemischten Eindruck. Die Gesichter, ich suche die Gesichter. Sagt mir was!<\/p>\n<p>Der Zug f\u00e4hrt gerade durch Worcester (Wusster), so wie die So\u00dfe, die ich noch nie probiert habe.<\/p>\n<p>Es ist anders als zu Hause, im Brauhaus in Hereford&#8230;.Ich verstehe kein Wort&#8230;&#8230;Es ist wie in einem Film, bei dem jemand, wie in einer Kapsel eingeschlossen, durch ein Menschenmenge schwimmt; mu\u00df schwierig sein solche Filme zu drehen. Isolation die doch noch irgendwie kommuniziert, aber das Gef\u00fchl gesteigerter Einsamkeit vermittelt. Alle reden, sind zusammen&#8230;..die Kamera aber schwimmt wie in einem Uboot durch das alles hindurch.<br \/>\nIst da etwas zum Andocken? Ich will gar nicht quatschen, h\u00f6re nach den Wellen des Krachs, den die summierten Gespr\u00e4che machen; sehe die konzentrierten Gesichter, wenn mal wieder auf das Fu\u00dfballspiel geschaut wird, was man sich aber eigentlich nicht anschauen m\u00f6chte. Entweder macht Verlieren keinen Spass oder, hier scheint das Gespr\u00e4ch wichtiger zu sein.<\/p>\n<p> Jetzt ist 8 Uhr. 9 Uhr 46 soll der Zug in London Paddington sein, um 10:37 geht es weiter von St. Pancras nach Dover.<\/p>\n<p>Soll ich mit dem bepackten Fahrrad in der Ubahn rummachen? Sind nur 5 km zwischen den Bahnh\u00f6fen, 15 Minuten mit der Metro.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck zum B&#038;B sehe ich den b\u00e4rtigen, alten Mann an der selben Stelle vor einem Bier sitzen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mich nicht aufregen, habe eine Zugbindung&#8230;..&#8220;Restriction Advised&#8220; steht auf den Fahrkarten. Man mu\u00df doch endlich mal cool werden. Das l\u00e4uft schon irgendwie nach St. Pancras.<br \/>\nDer Regents Park liegt zwischen den beiden Bahnh\u00f6fen. Die Orientierung geht mit der Aufgeregtheit einher; da hat sich etwas sehr Unn\u00fctzes in mir eingenistet, schon so lange und ich habe keine Lust mehr darauf.<br \/>\nWenn Du es eilig hast, nimm Dir Zeit!<\/p>\n<p>Der alte, b\u00e4rtige Mann in Herefordshire vor seinem Bier, ein Richtstern in meinem Leben. So einen habe ich schon einmal in Spanien gesehen. 2004 auf der Fahrradtour nach Lissabon, in der Messeta, auf dem Land, in der N\u00e4he von Salamanca, an einem Sonntagmorgen.<\/p>\n<p>Er war glattrasiert, hatte ein ordentlich geb\u00fcgeltes wei\u00dfes Hemd an, an einem hei\u00dfen Tag. Feuchtigkeit kondensierte auf seinem kalten Weisweinglass.<\/p>\n<p>Eine Schirmm\u00fctze hatte er auf, so wie der Mann gestern abend in Hereford.<\/p>\n<p>Moreton-in-March hei\u00dft der Bahnhof, 8:24, an dem wir gerade halten. <\/p>\n<p>Mindfullness las ich gestern irgendwo zusammen mit Yoga zusammen.<br \/>\nAchtsamkeit, dieser Begriff donnert daheim im Sound der Grundschullehrerin durch die Luft. Die Begrifflichkeit und sein Kontext schrecken ab.<\/p>\n<p>Ich habe es eilig gleich und ich werde mir die notwendige Zeit nehmen.<\/p>\n<p>&#8222;We are not in a rush. Not at all!&#8220;<\/p>\n<p>Die Landlady in Castlebar, Co. Mayo, Irland hatte ein paar Madonnen und Kruzifixe in ihrem Guesthouse. Sie war unglaublich &#8222;well organized&#8220;, sprach ein f\u00fcr mich gut verst\u00e4ndliches Englisch. Eine Familie aus Indien oder Bangladesh, irgendwo da, war auch bei Ihr untergebracht. Sie fl\u00fcsterten bei Tisch, w\u00e4hrend das angebratene Schweifleisch und die Eier an die Tische zum Fr\u00fchst\u00fcck gebracht wurde.<\/p>\n<p>Die Landlady war ausgesucht freundlich zu den Menschen mit der st\u00e4rkeren Hautfarbe&#8230;&#8230;das fiel mir noch ein.<\/p>\n<p>am Bahnhof Charlbury 8:42<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich verstehe die Leute hier im Herefordshire schlechter als in Irland. Woher der Schaffner kommt, weiss ich ja auch nicht. Er wollte nur wissen, wo ich hin will. 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